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Auszug - Nord-West-Friedhof (Gut Wienebüttel) - Gestaltung einer Gedenkstätte  

 
 
Sitzung des Grünflächen- und Forstausschusses
TOP: Ö 6
Gremium: Grünflächen- und Forstausschuss Beschlussart: zur Kenntnis genommen
Datum: Mo, 24.06.2013    
Zeit: 15:00 - 17:50 Anlass: Sitzung
VO/5216/13 Nord-West-Friedhof (Gut Wienebüttel)
- Gestaltung einer Gedenkstätte
   
 
Status:öffentlichVorlage-Art:Beschlussvorlage
Verfasser:Herr Zurheide
Federführend:06 - Bauverwaltung Bearbeiter/-in: Kamionka, Andrea
 
Wortprotokoll
Beschluss
Abstimmungsergebnis

Beratungsinhalt:

 

Beratungsinhalt:

 

Stadtbaurätin Gundermann begrüßt zur Beratung Frau Dr. Rudnick von der Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ sowie Herrn Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK).

Berichtet wird darüber, dass sie sich mit Bereichsleiter Zurheide und Herrn Grzenia von der Friedhofsverwaltung vor Ort einen Überblick darüber verschafft haben, welches Areal auf dem Nordwest-Friedhof sich für die Gestaltung einer Gedenkstätte für die Opfer der NS-Psychiatrie anbieten würde.

Dem Ausschuss soll heute das ausgewählte Areal sowie ein Gestaltungsvorschlag für eine Gedenkstätte unterbreitet und vorgestellt werden. Der Gestaltungsvorschlag wurde im Vorfeld der heutigen Vorstellung bereits mit der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) abgestimmt.

 

 

Ausgangssituation

 

Bereichsleiter Zurheide bringt in Erinnerung, dass der heutige Nordwest-Friedhof der frühere Friedhof der Heil- und Pflegeanstalt war. Der Friedhof hat tlw. eine unrühmliche Vergangenheit, weil während der NS-Zeit dort Euthanasieopfer begraben wurden. Hierbei handelte es sich insbesondere um Kinder. Derzeit erinnert ein im Eingangsbereich des Friedhofes stehender Gedenkstein, der jedoch mit seiner allgemein gehaltenen Inschrift sich auf den Gesamtbereich des Friedhofes bezieht, hieran.

An die Stadt Lüneburg wurde der Wunsch herangetragen, dass der vorhandene Gedenkstein auf den Nordwest-Friedhof umgesetzt wird, dahin, wo die angesprochenen Kindergräber vermutet werden. Das konkrete Auffinden der Gräber würde sich schwierig gestalten, da es über die Lage der Gräber keine konkreten Pläne gibt. Es existieren nur Handskizzen, aus denen die ungefähre Lage der Gräber abgeleitet werden könnten. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben auch Überbettungen stattgefunden, so dass heute die Lage der Kindergräber sich nicht mehr konkret lokalisieren lassen.

 

 

Standort Gedenkstätte

 

Aufgezeigt wird eine auf dem Friedhof derzeit ungenutzte Fläche, die sich im Bereich der vermuteten Kindergräber befindet. Diese erscheint für die Anlegung einer Gedenkstätte geeignet.

 

 

Gestaltung der Gedenkstätte

 

Vorgesehen ist die Anlegung eines ca. 5 x 5 m großen Platzes. Neben dem umgesetzten Gedenkstein und einer Ruhebank für Besucher ist die Aufstellung einer Informationstafel, die über die Geschehnisse der dortigen Zeit Auskunft geben soll, vorgesehen.

Eine weitere kleinere Hinweistafel soll auf die Ausstellung in der Psychiatrischen Klinik hinweisen.

Hinsichtlich der Materialauswahl hat man sich darauf verständigt, dass das für die Einfassung der Gedenkstätte vorgesehene Klinkerband so gestaltet wird, wie man es an den Fassaden der Klinik wiederfindet. Der Belag selbst soll aus schwarzem Basaltsplitt bestehen.

Die Fläche der Gedenkstätte soll bewusst in die Wegefläche hineinragen. Erreicht werden soll damit Aufmerksamkeit.

Aktuell hinzugekommener Aspekt ist das Auffinden von Gehirnpräparaten im Hamburger Institut für Geschichte und Ethik in den dortigen Asservaten, die auf den Nordwest-Friedhof begrabenen Kindern zugeordnet werden können. Es ist vorgesehen, dass diese Präparate im Rahmen der Schaffung dieser Gedenkstätte auf dieser Fläche bestattet werden.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – spricht sich dafür aus, dass man von der Begrifflichkeit hier von einer Gedenkanlage und weniger von einer Gedenkstätte sprechen sollte, da sich die Gedenkstätte bereits im alten Badehaus der Klinik befindet. Die Gedenkstätte dort unterhält eine kleine Ausstellung und verrichtet pädagogische Arbeit.

Insgesamt wurden 12 Präparate gefunden, die sich auf Glasträgern befinden.

Vorgesehen ist, die Präparate nach deren Einäscherung zu Staub zu zermahlen und diese in einem Gefäß beizusetzen.

Die Beisetzung des Gefäßes ist für Sonntag, den 25. August 2013, 15.00 Uhr, angedacht. Nachmittags deshalb, weil davon auszugehen sein wird, dass auch Kirchenvertreter ein Interesse an einer Teilnahme bekunden werden. Auch soll Angehörigen die Gelegenheit zur Anreise und Teilnahme eingeräumt werden.

Berichtet wird über die durchgeführten Recherchen, die im Ergebnis zu der Erkenntnis geführt haben, dass von den Kindern, denen Präparate entnommen wurden, diese zu einem Großteil auf dem Nordwest-Friedhof bestattet wurden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind diese Kinder im Zeitraum Dezember 1941 – September 1942 getötet worden. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um 12 Kinder, dessen  Angehörige, wenn sie denn ausfindig gemacht werden können, zu dem Bestattungstermin eingeladen werden sollen.

Die Durchführung der Bestattung zu dem benannten Termin setzt aber u. a. voraus, dass die Gestaltung der Gedenkanlage bis dahin vorgenommen wurde.

Es sind 297 Namenbekannt, die dokumentiert werden sollen.

 

Herr Effinger – Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) – führt ergänzend aus, dass der VDK bereits seit 2005 in Niedersachsen an einem Projekt arbeite, dass an Kriegsgräberstätten Geschichts- und Erinnerungstafeln aufgestellt werden. Bereits über 70 solcher Tafeln wurden an verschiedenen Gedenkstätten aufgestellt. Auch in Dahlenburg wurde eine solche Tafel, die an Kindern von Zwangsarbeitern, die dort gestorben sind, erinnern soll, aufgestellt.

Auf dem Nordwest-Friedhof würde es sich anbieten, eine Karte nach diesem Muster aufzustellen. Im Nachgang kann jedoch der Gedanke auf, dass die übliche Tafelgröße von 1,60 m Breite x 1 ,10 m Höhe hier zu dominant wirken würde. Stattdessen soll eine kleine Pulttafel angebracht werden.

Der Gedenkort muss nach seiner Ansicht auch im historischen Zusammenhang mit der auf dem Nordwest-Friedhof bereits vorhandenen Anlage dort bestatteter Personen, die in der Heil- und Pflegeanstalt auf die eine oder andere Art den Tod fanden und als Kriegstote registriert wurden, gesehen werden.

Deshalb entstand aus der Überlegung heraus die Idee, dass man im Eingangsbereich des Friedhofes eine größere Tafel, die auf den Ort des ehemaligen Anstaltsfriedhofes hinweist, aufstellt. Auf dieser Tafel soll erklärt werden, dass auf dem Friedhof Opfer des Nationalsozialismus aus der Anstalt bestattet wurden. An den dann konkreten beiden Orten auf dem Friedhofsareal könnte dann jeweils eine kleinere Pulttafel mit den Maßen 50 x 70 cm aufgestellt werden.

Hier könnten dann mit ergänzenden Texten das konkrete Gräberfeld beschrieben werden.

Diese Tafeln würden auch einen würdigen Rahmen der Gedenkorte darstellen und gleichzeitig auf die Ausstellung der Gedenkstätte in der PKL hinweisen.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – unterstützt diesen Gedanken. Auch sie hält es für sinnvoll und angebracht, wenn der Besucher des Friedhofes bereits im Eingangsbereich Allgemeininformationen mit Hinweis auf die beiden auf dem Friedhof vorhandenen Gedenkorte bekommt und die Allgemeininformation an den Gedenkorten selbst konkretisiert werden und gleichzeitig einen Hinweis auf die Ausstellung in der Gedenkstätte auf dem Gelände der PKL geben.

 

Ratsfrau Schmidt interessiert, was mit dem großen Holzkreuz und dem Gedenkstein vorgesehen sei.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – führt aus, dass im Zuge der Anlegung und Gestaltung des Gedenkortes wie angesprochen der vorhandene Gedenkstein umgesetzt werden soll. Das große Holzkreuz bleibt am jetzigen Standort stehen. Auch ist nicht vorgesehen, das im Zusammenhang mit der Anlegung des Gedenkortes einzelne Bäume gefällt werden müssen.

Seitens der Arbeitsgruppe ist man bemüht, in den nächsten Wochen sich in die Organisation einzubringen und seitens der Arbeitsgruppe mit deren Dienstleistung dazu beizutragen, dass als möglicher Einweihungstermin der anvisierte 25.08.2013 gehalten werden kann. Derzeit erarbeitet man in der Arbeitsgruppe einen möglichen Ablauf der Zeremonie.

Wünschenswert wäre es, wenn durch einen Repräsentanten der Stadt dieser Gedenkort eingeweiht werden würde.

Parallel ist vorgesehen, eine Sonderausstellung mit Darstellung von Einzelschicksalen in der Gedenkstätte auf dem PKL-Gelände durchzuführen. Auf diese Einzelschicksale könnte dann auch in Gegenwart zugeladener Angehöriger während der Einweihungszeremonie näher eingegangen werden.

 

Ratsfrau Thielbörger merkt an, dass es vor Jahren bereits einen Flyer gab, in dem auf die Schicksale der Kinder eingegangen wurde. Nach ihrer Ansicht bietet es sich an, unter Einbeziehung des VDK diese Erkenntnisse in den vorgesehenen Info-Flyer aufzunehmen.

 

Herr Effinger – Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) – führt aus, dass seitens der Arbeitsgruppe tlw. bereits Biografien von Opfern aufgearbeitet wurden. Anbieten würde es sich, dass man beispielhaft auf die Biographie eines der Opfer auf der Gedenktafel näher eingeht. Die Darstellung der erarbeiteten Biografien der Opfer ist auch Gegenstand der vorgesehenen Sonderausstellung. Auch könnte der auf der Website bestehende Auftritt weiter ausgebaut werden.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – ergänzt, dass von den 12 näher bekannten Schicksalen von getöteten Kindern exemplarisch von 5 Kindern Biografien erstellt wurden.

Derzeit sind die Biografien jedoch Akten- und Patientenorientiert. Durch Kontaktaufnahme mit Angehörigen ist man bemüht, ergänzende Betrachtungen mit Perspektiven der Angehörigen in die Biografien aufzunehmen.

Wenn von allen 12 Kindern entsprechende Biografien vorliegen, ist angedacht, diese ggf. durch Auflegung einer Broschüre zu veröffentlichen.

 

Herr Dammann – BUND empfindet es als sehr angenehm, dass man sich jetzt dieser Thematik annimmt. Er erinnert an die vergeblichen Bemühungen aus den 80er Jahren, die damalige Leitung des Landeskrankenhauses dazu zu bewegen, sich der Thematik zuzuwenden und diese aufzuarbeiten.

Versuche, Aufklärung zu betreiben, wurden damals von der Anstaltsleitung bewusst behindert. Auf konkrete Fragen wurden tlw. falsche Angaben gemacht. Dies ging soweit, das Personen, die sich mit der geschichtlichen Aufarbeitung auseinandergesetzt und engagiert haben, diffamiert wurden.

Auch er vertritt die Ansicht, dass die Opfer- und Patientensicht in der geschichtlichen Aufarbeitung auch etwas mit der Täterrolle zu tun habe.

Für ihn ist es wichtig zu wissen, wie hierbei die Täterseite abgearbeitet werde. Vom geschichtlichen Verständnis wäre es wichtig, die Täterrolle nachvollziehen zu können. Er ist froh darüber, dass nun eine gemeinsame Entwicklung möglich erschient.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – macht deutlich, dass die Geschäftsleitung der PKL 100 %ig hinter dem Bemühen der Arbeitsgruppe steht, zu dieser Thematik Aufklärungsarbeit zu leisten.

 

Ratsherrn Kiesel interessiert, ob aufgrund der anstehenden Sommerpause das von der zeitlichen Umsetzung ehrgeizige Ziel der Arbeitsgruppe erreicht sein wird.

 

Stadtbaurätin Gundermann führt aus, dass seitens der Verwaltung schnell und unbürokratisch an die Sache herangegangen wurde. Erkennbar wird das daraus, dass die Entwurfsplanung des Gedenkplatzes im Hause erarbeitet wurde, ohne dass hierzu Haushaltsmittel zur Verfügung standen.

 

Ratsfrau Schmidt möchte wissen, ob es noch lebende Zeitzeugen gäbe, die zur Einweihungszeremonie hinzugeladen werden könnten.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – geht nicht davon aus, dass es noch lebende Eltern gibt. Eher wird davon auszugehen sein, dass Geschwister oder Enkelkinder noch leben. Mit einem Geschwisterkind hat man Kontakt.

 

Ratsherr Meißner empfindet, dass mit dem Thema angemessen, sensibel und würdevoll umgegangen wird. Bedauerlich ist es aus seiner Sicht, dass man 70 Jahre gebraucht habe, um an die Aufarbeitung der Thematik heranzugehen. Sehr lobenswert ist es, dass die aufgefundenen Körperteile bestattet werden.

Von Interesse ist für ihn, mit wie viel Angehörigen es gelungen ist, Kontakt aufzunehmen.

 

Frau Dr. Rudnick – Arbeitsgruppe Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ – führt aus, dass Kontakt zu 24 Angehörigen besteht. Es handelt sich jedoch nicht um Angehörige der angesprochenen 12 Kinder.

Vorgesehen ist ergänzend zur durchgeführten eigenen Recherche, Zeitungsartikel mit einem entsprechenden Suchhinweis in verschiedenen regionalen Zeitungen zu platzieren.

Ergänzend hingewiesen wird darauf, dass die Präparate im Jahre 2011 gefunden wurden. Sie selbst ist im September 2012 in die Arbeit der Gruppe eingestiegen.

 

Ratsherr Meißner hat in Erinnerung, dass der letzte Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg während der NS-Zeit auch nach dem Kriege als Leiter einer anderen Anstalt eingesetzt wurde.

 

Weitere Wortmeldungen liegen nicht vor.

 

Ratsfrau Thielbörger verabschiedet als stellv. Vorsitzende des Ausschusses Frau Dr. Rudnick.

 

 

Beschlussvorschlag:

Beschlussvorschlag:

Der Ausschuss nimmt das Vorhaben zustimmend zur Kenntnis.

 

 

Beschluss:

Der Ausschuss nimmt das Vorhaben zustimmend zur Kenntnis.

 

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Anlagen:  
  Nr. Name    
Anlage 1 1 TOP 6_Nord-West-Friedhof (1775 KB)