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Beratungsinhalt: Ratsfrau
LEECK erläutert den
Antrag. In anderen Städten seien nach Schlieffen benannte Kasernen zum Teil
schon vor Jahrzehnten umbenannt worden. Es sei historisch belegt und selbst vom
Militärgeschichtlichen Forschungsamt bestätigt, dass Schlieffen für die
Kriegswirren in den ehemaligen Kolonien mit verantwortlich gewesen ist. Sein
Name stehe für die Verselbstständigung militärischen Denkens im Kaiserreich und
dafür, dass der „nationale“ Zweck jedes Mittel heilige. Wer heute ein Baugebiet
nach Graf Schlieffen benenne, mache sich die Erwägungen derjenigen zu eigen,
die der Kaserne 1938 ihren Namen gaben. Ratsfrau LEECK schildert kurz
das Wirken und die Persönlichkeit Schlieffens. Im Verwaltungsausschuss am
26.10.04 sei beschlossen worden, den Bebauungsplan „Schlieffen-Park“
aufzustellen und eine frühzeitige Bürgerbeteiligung durchzuführen. In der
Ratssitzung am 25.11.04 habe Stadtdirektor Koch die Kritikwürdigkeit des Namens
„Schlieffen“ eingeräumt und einen öffentlichen Wettbewerb zur Namensfindung für
das Baugebiet in der LZ angekündigt. Ratsherr Burgdorff habe sich in dieser
Sitzung ebenfalls für eine Umbenennung des Baugebiets ausgesprochen und
Beigeordneter Dörbaum habe dies eindeutig in der Sitzung des Ausschusses für
Bauen und Stadtentwicklung am 23.03.04 getan. Die LZ sei bereit gewesen, den
Ideenwettbewerb zu unterstützen, leider habe die Verwaltung das Vorhaben aber
nicht weiter verfolgt. Auch eine Bürgerbeteiligung sei nicht durchgeführt
worden, statt dessen habe der Kultur- und Partnerschaftsausschuss gestern bereits
Straßennamen für das Gebiet beschlossen. Es sei nicht zu begreifen, warum die
Verwaltung und die SPD-Fraktion sich jetzt nicht mehr an ihre früheren Aussagen
und Standpunkte erinnern wollen. So mache die Gremienarbeit keinen Sinn. Es sei
ihr auch unbegreiflich, warum die CDU-Fraktion die Benennung des Baugebiets
nach einer Persönlichkeit unterstütze, die sich an Völkermord beteiligt und
damit sicher nicht nach christlichen Leitlinien gehandelt habe. Beigeordneter
DR. SCHARF
entgegnet, es handele sich bei der Kolonialpolitik und der Kriegsschuldthese
nach dem Ersten Weltkrieg um zwei Themen in der deutschen Geschichte, die sehr
kontrovers diskutiert würden. Geschichte sei nicht so einfach zu
interpretieren, wie hier von Frau Leeck der Eindruck erweckt werden solle und
müsse auch aus dem damaligen Kontext heraus verstanden werden. Die deutsche
Kolonialpolitik in Afrika sei sicherlich sehr zwiespältig zu betrachten. Als
positiv könne vielleicht die Infrastruktur gewertet werden, die damals dort
aufgebaut worden sei und zum Teil noch heute genutzt werde. Der Herero-Aufstand
sei aber sicher kein Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte. Der Gerechtigkeit
halber müsse jedoch auch gesagt werden, dass auf beiden Seiten mit enormer
Brutalität vorgegangen worden sei. General von Schlieffen habe bei diesen
Vorgängen allerdings keine große Rolle gespielt. Es sei unbestritten, dass im
19. Jahrhundert alle großen Staaten Imperialismus betrieben hätten. Die Motive
seien heute schwer nachvollziehbar, es wäre aber unhistorisch, die historischen
Gegebenheiten nicht zu berücksichtigen. Das betreffe auch General von
Schlieffen, der auf Grund der Entwicklung eines Angriffsplans, wie ihn
Frankreich, England und Russland auch entwickelt hätten, nicht für den
Stellungskrieg vor Verdun verantwortlich gemacht werden könne. Es habe zu der
Zeit ein Zweifrontenkrieg gedroht, auf den man sich entsprechend militärisch
vorbereitet habe. Ihn als Massenmörder darzustellen, sei schlicht unhistorisch.
Schlieffen gehöre ebenso zur deutschen Geschichte wie Lenin und Karl Marx, nach
denen in den neuen Bundesländern noch viele Straßen benannt seien. Er halte es
für unredlich, alle diese Namen, die mit der deutschen Geschichte verbunden
seien, ausradieren zu wollen. Der Name „Schlieffen-Park“ sollte daher als
Arbeitstitel für den Bebauungsplan beibehalten werden. Die späteren Bewohner
des Gebiets könnten dann selbst entscheiden, wie sie mit der Benennung ihres
Stadtteils weiter umgehen wollen. Ratsfrau
LOTZE bezeichnet
den Vorwurf der Grünen als absurd, die SPD-Fraktion würde die Geschichte nicht
kennen, ignorieren, oder sich zum Fürsprecher des General von Schlieffen
machen. Sie meine nicht, dass die Benennung der Kaserne oder des Bebauungsplans
nach Schlieffen dem positiven Image der Stadt Lüneburg jemals geschadet habe
und Touristen aus diesem Grund die Stadt meiden würden. Fraglich sei, warum die
Grünen die Umbenennung der Schlieffen-Kaserne in den vergangenen Jahrzehnten
nicht schon längst im Rat oder auf Bundesebene angestoßen haben. Es dränge sich
der Eindruck auf, dass das späte Engagement eher mit der in Kürze anstehenden
Kommunalwahl zu tun hat. Auch für die SPD-Fraktion sei der Name Schlieffen
nicht unumstritten und sie betrachte ihn als ungeeignet für ein ziviles Wohnquartier.
Unabhängig von der ungeklärten Frage der Verantwortung Schlieffens gelte für
ihre Fraktion, dass jeder, der in irgendeiner Form an Vernichtungsstrategien
oder an Verfolgung und Unterdrückung von Menschen mitgewirkt hat, heute zur
Namensgebung für Straßen und Plätze nicht mehr herangezogen werden darf. Jede
Zeit habe ihre Helden und bewerte die Beurteilungskriterien dafür jeweils neu.
Deshalb stelle sich die Frage, wo man mit den Umbenennungen von Straßen oder
dem Abriss von Denkmalen anfangen und wo enden solle, und ob man als Ausdruck
von Geschichtsbewusstsein verschiedener Zeiten bestimmte Namen auch akzeptieren
könne. Im Kultur- und Partnerschaftsausschuss sei beschlossen worden, dass die
Lüneburger Straßen vom Stadtarchiv auf heikle Benennungen überprüft werden sollen,
um dann eine gemeinsame Basis zu finden, auf der über die Notwendigkeit von
Umbenennungen entschieden werden könne. Auf dem Gelände der ehemaligen
Schlieffen-Kaserne werde eins der attraktivsten Wohngebiete Lüneburgs
entstehen, dessen Straßen laut gestrigem Beschluss des Kultur- und
Partnerschaftsausschusses nach verdienten Lüneburger Kommunalpolitikerinnen und
Kommunalpolitikern benannt werden. Der Name Schlieffen-Park werde mit Abschluss
des Bebauungsplans verschwinden. Es sei sinnlos, weitere Zeit und Energie in
diese Debatte zu investieren. Bürgermeisterin
SCHELLMANN macht
deutlich, dass Bebauungspläne immer eine Bezeichnung erhalten, die eindeutig
auf ihre örtliche Lage hinweisen, so dass sie leicht und unmissverständlich zu
lokalisieren sind. Die Schlieffen-Kaserne existiere noch. Wenn man dem
Baugebiet, wie von den Grünen vorgeschlagen, den Arbeitstitel Kaserne Bleckeder
Landstraße gäbe, wäre das missverständlich, weil dort zwei Kasernen sind. Die
Schlieffen-Kaserne werde es auch weiterhin geben. Die Grünen hätten zu Zeiten
der rot-grünen Regierung auf Bundesebene längst auf eine Umbenennung der
Kaserne hinwirken können. Die Verfehlungen der deutschen Kolonialpolitik seien
sicher nicht von der Hand zu weisen und es sei richtig, sich damit auseinander
zu setzen. Das Thema sei aber so vielschichtig, dass man es nicht aus einem zu
einseitigen Blickwinkel betrachten dürfe. Der Arbeitstitel des Bebauungsplans
richte sich aber nach den lokalen Gegebenheiten und beinhalte keine Wertung
oder Ehrung einer Person. Er werde mit der Vermarktung der dortigen Immobilien
und den Straßenbenennungen verschwinden. Es sei schon vor Jahren beschlossen
worden, die Straßen in diesem Baugebiet nach verdienten Lüneburger
Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitikern zu benennen, was auch durch die
dort bereits bestehende Horst-Nickel-Straße deutlich werde, daher werde sich
wahrscheinlich später der Name „Bürgermeisterviertel“ für das Gebiet
durchsetzen. Ratsherr
MEIHSIES
konstatiert, die Schlieffen-Kaserne sei von den Nationalsozialisten im Rahmen
einer sogenannten Traditionsoffensive umbenannt worden und es sei
unbegreiflich, dass die übrigen Ratsfraktionen und die Verwaltung dies
offensichtlich weiterführen wollten. Schlieffen habe seine politischen Kritiker
für ihre humanitären Ansichten öffentlich verhöhnt und gerade die
Sozialdemokraten sollten wissen, was das bedeute. Mit dieser unsäglichen
Traditionspflege, die die Armee auch nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt
habe, müsse jetzt gebrochen werden. Die Grünen hätten die Chance gesehen,
diesen Weg nach Auflösung eines Teils der Kaserne zu gehen und einen neuen
Namen für das Baugebiet zu finden. Die Verwaltung verstecke dieses Versäumnis
jetzt hinter dem Begriff „Arbeitstitel“, obwohl sie seit 2004 immer wieder
versichert habe, einen Wettbewerb zur Namensfindung machen zu wollen.
Offensichtlich fehle der SPD-Fraktion eben doch das Geschichtsbewusstsein,
obwohl die Sozialdemokraten im Nationalsozialismus verfolgt worden sind, sonst
würde sie mit dieser Art der „Traditionspflege“ brechen. Die Fraktion Bündnis
90/ Die Grünen habe bereits seit 2004 auf die Notwendigkeit der Umbenennung des
Baugebietes hingewiesen und sei offenbar mit falschen Versprechungen
hingehalten worden. Diese Diskussion sei für die Sozialdemokratie unwürdig. Oberbürgermeister
MÄDGE weist die
Vorwürfe gegen die Sozialdemokratie nachdrücklich zurück. Es seien
sozialdemokratische Verteidigungsminister gewesen, die in Traditionsuntersuchungen
die Namen von Kasernen untersuchen lassen hätten. Militärs bekämen ihre
Aufträge im Übrigen von Zivilisten und es stelle sich die Frage, ob in einigen
Jahrzehnten Gerhard Schröder und Joschka Fischer für den Bosnieneinsatz der
Bundeswehr gebrandmarkt werden. Die „Spätgeborenen“ sollten die Moral jedoch
nicht für sich allein in Anspruch nehmen. Die Verwaltung und der Rat der Stadt
Lüneburg stelle sich der Geschichte und habe bereits beschlossen, dass keine
Straße nach General Schlieffen benannt und auch keine Gedenktafel für ihn aufgehängt
werde. Man könne aber die dunklen Punkte der deutschen Geschichte nicht
vollständig aus der Erinnerung auslöschen, sondern müsse einen Weg finden,
damit verantwortungsbewusst umzugehen. Insofern sei es gut, dass diese
Diskussion angestoßen wurde. In Berlin seien zum Beispiel an einigen Häusern
Tafeln aufgehängt worden, auf denen ihre Geschichte dargestellt werde. Ein
Beispiel aus Lüneburg sei eine alte Gedenktafel für 10 Lüneburger, die im Herero-Aufstand
gefallen sind, im Eingang der Michaeliskirche. Die Kirche habe diese
Gedenktafel nicht unkommentiert gelassen, sondern darunter eine Tafel mit der
Aufschrift: „Die Opfer der Kriege mahnen uns: Herr, mach uns zum Werkzeug
Deines Friedens“ gehängt. Er fordere alle auf, sich mit unserer Geschichte zu
beschäftigen und sich ihr zu stellen. Durch ihr Auslöschen könne man seiner
Verantwortung gegenüber kommenden Generationen nicht gerecht werden. Die Stadt
werde mit den neuen Anwohnern in diesem Gebiet darüber diskutieren, dass sie
noch einige Zeit neben der Schlieffen-Kaserne wohnen müssten. Wer das nicht
akzeptieren wolle, müsse im Bundestag einen Antrag auf Umbenennung der Kaserne
stellen. Beschluss: Der
Rat der Stadt Lüneburg lehnt den Antrag mehrheitlich mit den Stimmen der Gruppe
SPD/FDP und der CDU-Fraktion gegen die Stimmen der Fraktion Bündnis 90/ Die
Grünen ab. (4) |
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