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Beratungsinhalt: Ratsherr SRUGIS möchte den Antrag als Hilferuf verstanden wissen. Um
Missverständnissen vorzubeugen weise er darauf hin, dass die jüngsten
Tarifsteigerungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums eindeutig
berechtigt und notwendig gewesen seien. Auch die Erhebung von Fallpauschalen
halte er grundsätzlich für ein geeignetes Mittel, um die Wirtschaftlichkeit in
den Klinikern sicher zu stellen. Um diese Fragen solle es also nicht gehen,
vielmehr um das Problem der Lüneburger Klinik und gleichsam aller kommunalen
Kliniken. Das Hauptproblem liege darin, dass die Einnahmen planwirtschaftlich
organisiert würden, man bei den Ausgaben aber das marktwirtschaftliche System
– allerdings zu Recht – beibehalte. Beides nebeneinander
funktioniere jedoch nicht, entweder das Eine oder das Andere sei hier die
richtige Antwort. Als ein Beispiel nenne er bei den Einnahmen die
planwirtschaftliche Deckelung, nämlich 0,64 % für das Jahr 2008, orientiert an
der Grundlohnsummensteigerung. Nun komme aber der Bund und sage, da müssen noch
einmal 0,5 % runter als Sanierungsbeitrag für die Krankenkassen. Das sei nicht
in Ordnung. Zweitens komme das Land seiner Investitionsverpflichtung von 1/3
der Investitionen nicht in allen Fällen nach. Drittens sei die
Fallpauschalenregelung mit systematischen Problemen behaftet. So könne es nicht
sein, dass besonders gut geführte Häuser – wie etwa das Lüneburger
Klinikum – Mehrleistungen über die Planung hinaus, nur mit einem Drittel
vergütet bekomme. Bei den Ausgaben habe man Personalkostensteigerungen von vier
Prozent, man habe explodierende Energiekosten von circa 15 %, rund 2,8 % bei
den Lebensmittel- und etwa 7,5 % bei den Arzneimittelpreisen. Das bedeute auf
der einen Seite extreme Ausgabensteigerungen gegenüber einer Deckelung auf der
Einnahmeseite. Das sei für das Lüneburger Klinikum nicht tragbar. Böswillig
könne man sagen, dass der Bund offenbar die kommunalen Kliniken auf die Bahre legen
wolle, damit nur die privaten Kliniken übrig bleiben. Ziel müsse die optimale
Daseinsvorsorge sein, diese bestehe aus einem Nebeneinander von kommunalen, von
gemeinnützigen und von privaten Häusern, also einer so genannten
pluralistischen Krankenhauslandschaft. Die Probleme lägen in Lüneburg nicht
beim Management. Die Zahl der Pflegekräfte liege in Relation zur Zahl der Ärzte
niedriger als früher, bestimmte Bereiche wie Wäscherei und Reinigung wurden
ausgegliedert, zudem erfolge der Medikamenteneinkauf über eine eigene Apotheke,
der sich auch andere Krankenhäuser angeschlossen haben. Man sei nicht
schlechter als private Häuser, sondern besser, insbesondere wenn man
berücksichtige, dass die kommunalen Pflegekräfte besser bezahlt werden als
Private. Es sei auch gelungen, aus einem relativ defizitären Haus eine Klinik
mit weitgehend ausgeglichenen Budgets und bisweilen sogar Überschüssen zu
schaffen. Diese Zeit sei aber vorbei. Das zugeteilte Einnahmebudget müsse
endlich an die Kostenentwicklung angepasst werden, sonst treibe man
Krankenhäuser in den Ruin. Angesichts der zukünftigen demographischen
Entwicklung, der Preissteigerungen und auch der berechtigten höheren Ansprüche
der Patienten ergebe sich künftig eine Problemlage, die die Situation noch
weiter zuspitze. Es müsse deutlich gesagt werden, dass es nicht um Linderung
von Finanzproblemen gehe, sondern um deren Beseitigung. Eine brauchbare Größe
wäre, die Einnahmeentwicklung am nominellen Bruttoinlandsprodukt zu
orientieren. Das Land Niedersachsen müsse seine Investitionsverpflichtungen
ernst nehmen, da sonst zu befürchten sei, dass diese Aufgabe den Krankenkassen
zugewiesen werde. Eine schnelle Besserung wäre zunächst einmal der Wegfall des
0,5-prozentigen Sanierungsbeitrages, er hoffe, dass man sich in Berlin auf
schnelle Hilfen einigen könne. Ratsherr LUTHS hebt ergänzend zu den Ausführungen von Herrn Srugis hervor,
dass man in Lüneburg einen außerordentlich leistungsstarken Gesundheitskonzern
mit etwa 2.500 sehr engagierten Mitarbeitern besitze. Die enorme Zunahme der
Belastung der Mitarbeiter erlebe er direkt in der eigenen Familie. Der Konzern
erfülle den hohen Anspruch der Allgemeinversorgung und trage dem medizinischen
Fortschritt Rechnung, indem dort auf höchstem Niveau Gesundheitsvorsorge angeboten
werde. Das Problem seien die enorm gestiegenen Kosten, die er anhand einiger
Zahlen belegen wolle. Von 1998 bis 2007 seien die Kosten um etwa 32 %
angestiegen, die Budgets auf der anderen Seite im gleichen Zeitraum lediglich
um knapp 11 %. Diese Differenz müsse getragen werden, was sich im Abbau von
insgesamt etwa 100.000 Arbeitsplätzen in den deutschen Krankenhäusern, davon
etwa 50.000 im Bereich der Pflege, ausgewirkt habe. Die Fallzahlen seien
gleichzeitig von 14,3 auf 16,9 Millionen gestiegen. Diese Zahlen sprächen für
sich. Im Jahre 2007 beliefen sich die Defizite der Krankenhäuser in Deutschland
auf insgesamt etwa 1 Milliarde Euro. Rund 40 % der Krankenhäuser seien von
besonders hohen Verlusten betroffen, für das Jahr 2008 werde erwartet, dass
sich diese Zahl auf 50 % erhöhe. Zusätzlich hätten die Krankenhäuser als
ohnehin schon besonders gebeutelter Bereich noch einen Sanierungsbeitrag von
0,5 % zu leisten für die Krankenhausfinanzierung von Seiten der Krankenkassen.
Das seien Verhältnisse, die man nicht hinnehmen könne und die sich unmittelbar
auf die Lüneburger Kliniken auswirkten. Daher wünsche man sich, dass der
Bundesgesetzgeber hier reagiere, wie es der Landesgesetzgeber bereits getan
habe, indem die Krankenhausversorgung in Niedersachsen kürzlich deutlich
aufgestockt worden sei. Ratsherr MEIHSIES sieht in dem Ratsantrag eine massive Kritik an der
Gesundheitspolitik der Bundesregierung. Die SPD sei nicht in der Lage, ihre
Bundesregierung dahin zu bringen, das Krankenhausfinanzierungsgesetz auf vernünftige
Beine zu stellen. Es bedürfe offenbar einer Resolution eines Stadtrates aus der
niedersächsischen Provinz, damit ihre Bundestagsabgeordneten wach werden.
Offenbar könne man ihnen nicht einfach am Telefon sagen, wo der Schuh drückt.
Man könne solche und ähnliche Resolutionen dem Rat stapelweise auf den Tisch
legen, es mache jedoch einfach keinen Sinn, man veräppele sich damit
gegenseitig. Natürlich wisse jeder, dass die Finanzierung der Krankenhäuser in
den letzten Jahrzehnten auf Bundes- und Landesebene massiv zurückgedampft
worden sei. Da müsse man aber beispielsweise Herrn Althusmann einmal deutliche
Worte sagen und nicht mit einer Resolution sozusagen um die Ecke kommen. Die
Landesregierung habe den Krankenhausfonds in den letzten Jahren zu Lasten der
Kommunen herunter gefahren und die Bundesregierung habe ein bundesweites
Defizit beim Investitionsstau bei den kommunalen Krankenhäusern von rund
fünfzig Milliarden angehäuft. In der Resolution seien nichts als
Selbstverständlichkeiten und eine verdeckte massive Kritik an der
Bundesregierung formuliert worden, der allerdings stimme er gerne zu. Ratsherr SOLDAN dankt der Klinikleitung und den Mitarbeitern für die in den
letzten Jahren geleistete Arbeit, durch die das früher defizitäre Ergebnis deutlich
verbessert werden konnte. Die niedersächsische Krankenhausgesellschaft rechne
damit, dass in diesem Jahr circa sechzig der 195 Krankenhäuser in Niedersachsen
Verluste erzielen werden. Grund hierfür seien vor allem die Tarifabschlüsse im
öffentlichen Dienst und für das ärztliche Personal mit Steigerungen von acht
Prozent, die allerdings aufgrund der starken Lohnzurückhaltung in den
vergangenen Jahren vollkommen gerechtfertigt seien. Dennoch werde ein großes
Loch in die Krankenhausfinanzierung gerissen, da die Personalkostenquote bei
etwa 67 % des Etats liege. Eine weitere Ursache der Defizite seien die
Sachkostensteigerungen – vor allem bei den Energiekosten – und der
Sanierungsbeitrag in Höhe von 0,5 % des Budgets. Weiterhin die Umsetzung des
Arbeitszeitgesetzes und nicht zu vergessen die von CDU und SPD beschlossene
Mehrwertsteuererhöhung. Dem entgegen stünden die im GSG festgeschriebenen
Budgetsteigerungen von in diesem Jahr 0,64 %, jedoch abzüglich des
Sanierungsbeitrages von 0,5 %. Es gebe somit praktisch keine
Einnahmesteigerungen. Die Schieflage der Krankenhäuser sei folglich maßgeblich
durch das Gesundheitsreformgesetz, verabschiedet von CDU und SPD, mit
entstanden. Das sei schon im Vorfeld bekannt gewesen. Bereits bei der
Diskussion der Gesundheitsreform im Jahre 2006 mahnte die Deutsche
Krankenhausgesellschaft an, dass diese Probleme auftreten werden. Im Landtag
seien ebenfalls bereits im Oktober 2006 die Auswirkungen des
Gesundheitsreformgesetzes auf die Krankenhäuser in Niedersachsen diskutiert worden.
Frau Ministern Ross-Luttmann habe dazu wörtlich gesagt: „Ich glaube, es
kann heute niemand verlässlich sagen, wie sich die Gesundheitsreform im
einzelnen auswirken wird.“ Mit ein wenig gesundem Menschenverstand hätte
aufgrund der Daten der Deutschen Krankenhausgesellschaft jeder –
zumindest für den Krankenhaussektor – die Mehrbelastungen erkennen
können, aber nicht jeder habe sie sehen wollen. Und nun kämen CDU und SPD eineinhalb Jahre später und
spielten sich als Retter des Lüneburger Klinikums auf. Wo sei damals der
Protest gewesen ? Warum müssen die Probleme erst in Berlin oder Hannover
angesprochen werden, damit CDU und SPD vor Ort aktiv werden ? Es gebe
mittlerweile ein Gutachten von Herrn Professor Simon von der FH Hannover im
Auftrag von ver.di, welches klipp und klar den Wegfall der Budgets fordere.
Eine Forderung, die die FDP bereits seit Jahren stelle. Die Finanzierung der Kliniken müsse endlich auf solide Füße
gestellt werden durch Aufhebung des Budgets und sofortige Rücknahme des Sanierungsbeitrages.
Noch in diesem Jahr wolle das Gesundheitsministerium einen Gesetzentwurf zur
Krankenhausfinanzierung vorlegen, wodurch das seit den siebziger Jahren
geltende dualistische Finanzierungsprinzip zugunsten eines monistischen Modells
über Zuschläge zu den Krankenhausentgelten
aufgegeben werden solle. Dazu solle der Umsatzsteueranteil der Länder
reduziert werden. Das Ganze solle in den Gesundheitsfonds einfließen, von dem
noch niemand recht wisse, ob er überhaupt komme. Das würde für Niedersachsen bedeuten,
dass dem Landeshaushalt 485 Millionen Euro entzogen würden, ohne dass das Land
Niedersachsen die Chance habe, über die Verteilung dieser Mittel diskutieren zu
können. Durch die Koppelung der Investitionsmittel an die Abrechnung komme es
zwangsläufig zu einer Bevorzugung der großen und spezialisierten Kliniken.
Allgemeine Krankenhäuser auf dem Land würden nach und nach regelrecht
ausbluten, wodurch die Versorgung der Bevölkerung in der Fläche noch schlechter
werde. Er appelliere an CDU und SPD, nicht wieder eineinhalb Jahre
mit einer Reaktion auf die jetzt zu diskutierende Gesetzesänderung zu warten,
sondern ihren Einfluss in Berlin und Hannover für eine nachhaltige
Krankenhausfinanzierung geltend zu machen. Die Probleme beträfen im übrigen
nicht nur die Krankenhäuser, sondern jede niedergelassene Praxis, die die
Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und eine Vielzahl von Arbeitsplätzen
sicherten. Ratsherr RIECHEY schließt sich seinen Vorrednern aus der Opposition an. Er
habe sich sehr über die Mehrheitsgruppe im Rat gewundert, die ja auch die
Mehrheit im Bund stelle. Anscheinend seien CDU und SPD derart unzufrieden mit
der Politik der Bundesregierung, dass man solche Appelle benötige. Er hoffe auf
die gleiche Einsicht auch in anderen Bereichen und finde es begrüßenswert, dass
sich die Gruppe von der Politik der eigenen Bundesregierung abwende. Gesundheit
als öffentliches Gut müsse erhalten bleiben, daher sei auch die Privatisierung
der Landeskrankenhäuser völlig falsch gewesen und daher werde man natürlich der
Resolution zustimmen. Beschluss: Der
Rat der Hansestadt Lüneburg beschließt einstimmig die beantragte Resolution. (01) |
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